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Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hält den gesellschaftlichen Umgang mit digitalen Medien für fahrlässig. "In Wahrheit haben wir es mit einem großen Menschheitsversuch zu tun", sagte Prien den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Freitagsausgaben). "Wir nutzen seit knapp 20 Jahren Smartphones, eine sich schnell verändernde Technologie, ohne eine Risikofolgen-Abschätzung zu machen."
"Produkthaftung, Vorsorgeprinzip – das sind Stichworte, die wir mit potenziell gefährlichen Technologien verbinden", sagte Prien. "Das haben wir in diesem Bereich nicht gemacht, sondern der Entwicklung ihren Lauf gelassen." Europa sei der einzige große Wirtschafts- und Gesellschaftsraum, in dem es überhaupt Regulierungsansätze gebe. "Generell glaube ich: Wir waren zu naiv", betonte die Ministerin.
Auf die Frage, ab welchem Alter Kinder Zugang zu digitalen Geräten haben sollten, antwortete Prien: "Gar keine Geräte im Alter von null bis drei Jahren. Damit meine ich alle Bildschirme – ehrlicherweise gilt das nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, während sie Zeit mit ihren Kindern verbringen." Das könne Erwachsenen zwar nicht verboten werden, "aber man kann es als Empfehlung und als gesellschaftliche Norm regeln".
Der Schaden, der bei Kindern entstehe, weil Eltern keinen Blickkontakt mehr zu ihrem Baby und keine intensive Sprachkommunikation mit ihrem Kleinkind haben, sei "dramatisch". Prien zog einen harten Vergleich: "Dann ist der Bildschirm-Konsum so schlimm wie Rauchen und Alkohol in der Schwangerschaft."
Das Tracking von Kindern durch die Eltern mittels Smartphones und anderer Geräte lehnt Prien ab. "Kinder haben ein Recht auf Nicht-Gesehen-Werden." Das sei eine Altersfrage, die bei einem Kleinkind anders zu beantworten sei als bei einem Grundschulkind und einem Jugendlichen. "Aber Kinder haben das Recht, sukzessive Eigenverantwortung zu lernen. Dazu gehört auch, dass sie nicht das Gefühl haben, sie werden auf Schritt und Tritt überwacht."
Auch Regelübertretungen gehörten zum Erwachsenwerden, betonte die Ministerin. "Eine überbehütete Kindheit schadet Kindern unter Umständen sogar." Als Erklärung für die ständige Überwachung durch die Eltern vermutet Prien: "Ich glaube, dass vielen Eltern der natürliche Zugang zum Elternsein ein Stück weit abhandengekommen ist, weil auch der Austausch zwischen den Generationen, etwa mit den Großeltern, ein anderer geworden ist."
Sie habe mit ihrer Mutter darüber gestritten, ob man ein Baby schreien lassen dürfe oder nicht oder ob Kinder dazu gezwungen werden sollten, den Teller leer zu essen. "Heute gibt es so viele Elternratgeber wie noch nie, Eltern erziehen unter einem immensen Perfektionierungszwang. Alles ist sehr kopfgesteuert und wenig intuitiv."
G.Dominguez--TFWP