The Fort Worth Press - Xiaomi Skynomad: N70 und N90 erhöhen den Druck auf Europas SUV-Markt

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Xiaomi Skynomad: N70 und N90 erhöhen den Druck auf Europas SUV-Markt
Xiaomi Skynomad: N70 und N90 erhöhen den Druck auf Europas SUV-Markt

Xiaomi Skynomad: N70 und N90 erhöhen den Druck auf Europas SUV-Markt

Xiaomi verschiebt die Maßstäbe im Automobilgeschäft schneller, als es vielen etablierten Herstellern lieb sein dürfte. Nach der sportlichen Limousine SU7 und dem dynamisch gezeichneten YU7 richtet der chinesische Technologiekonzern den Blick nun auf das besonders lukrative Segment großer Familien-SUV. Mit dem Skynomad N70 und dem Skynomad N90 entstehen zwei Fahrzeuge, die nicht allein durch ihre Abmessungen auffallen. Sie verbinden eine ungewöhnlich große Batterie mit einem Range Extender, einem hochgradig wandelbaren Innenraum und einer Komfortausstattung, die in Europa häufig der teuren Oberklasse vorbehalten bleibt.

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Entscheidend ist dabei weniger ein einzelner technischer Rekord als die Kombination aus Raum, Reichweite, digitaler Ausstattung und Preis. In China werden die derzeit angebotenen Max-Versionen für 259.900 Yuan beim N70 und 299.900 Yuan beim N90 vorbestellt. Umgerechnet entspricht das grob 34.000 beziehungsweise 39.000 Euro. Diese Beträge sind keine Prognose für Deutschland, zeigen aber, mit welcher Kostenstruktur chinesische Hersteller inzwischen selbst im Format eines Fullsize-SUV auftreten können.

Zwei Größen, ein klares Konzept
Der N70 ist mit 4,96 Metern Länge bereits ein stattliches Auto. Er misst knapp zwei Meter in der Breite, besitzt einen Radstand von 2,95 Metern und ist als großzügiger Fünfsitzer ausgelegt. Der N90 streckt sich auf 5,285 Meter, der Radstand wächst auf 3,08 Meter. Im Innenraum stehen sieben Sitze in einer Anordnung mit zwei Einzelsitzen in der zweiten Reihe und einer Dreierbank im Fond bereit.

Die kantige Karosserie, die hohe Dachlinie und das nahezu senkrechte Heck folgen einer klaren Priorität. Xiaomi will möglichst wenig Raum an eine modische Coupéform verschenken. Das Ergebnis erinnert in seinen Proportionen an bekannte britische Luxus-SUV, wirkt aber zugleich wie ein Gegenentwurf zu Xiaomis bisherigen, stark auf Dynamik zugeschnittenen Autos.
Für europäische Straßen bringt diese Größe allerdings auch Nachteile. Eine Breite von nahezu zwei Metern ohne Außenspiegel und eine Länge von mehr als 5,28 Metern verlangen breite Stellplätze, große Wendeflächen und viel Übersicht in Parkhäusern. Der N90 besitzt zwar einen für seine Abmessungen bemerkenswert kleinen Wenderadius von 5,95 Metern, aus einem Fullsize-SUV wird dadurch jedoch kein Stadtwagen.

Elektroantrieb mit Benziner als Generator
Technisch sind N70 und N90 keine klassischen Plug-in-Hybride, bei denen Verbrenner und Elektromotor gemeinsam oder abwechselnd die Räder antreiben. Xiaomi setzt auf ein serielles Range-Extender-Konzept. Den Vortrieb übernehmen ausschließlich Elektromotoren. Ein 1,5-Liter-Turbobenziner arbeitet bei Bedarf als Generator und erzeugt Strom, wenn der Energieinhalt der Batterie sinkt.

Dieses Prinzip soll zwei gegensätzliche Erwartungen zusammenführen. Im Alltag können die Fahrzeuge über weite Strecken rein elektrisch genutzt werden. Auf langen Reisen entfällt zugleich die vollständige Abhängigkeit von einer Ladesäule. Gerade in China, wo große Entfernungen, stark schwankende Temperaturen und regionale Unterschiede bei der Ladeinfrastruktur zusammenkommen, bleibt diese Kombination für viele Familien attraktiv.

Die Max-Versionen arbeiten mit zwei Elektromotoren und Allradantrieb. Die Systemleistung beträgt 310 Kilowatt, entsprechend rund 422 PS. Der N90 Max beschleunigt in 5,9 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht 190 Kilometer pro Stunde. Damit bewegt sich der mehr als fünf Meter lange Siebensitzer auf einem Leistungsniveau, das vor wenigen Jahren noch sportlichen Premium-SUV vorbehalten war.

Reichweite mit erklärungsbedürftigen Rekordwerten
Besonders aufmerksamkeitsstark sind die Reichweitenangaben. Der N70 kann mit einem 52 Kilowattstunden großen LFP-Akku oder einem 76 Kilowattstunden großen NMC-Akku ausgerüstet werden. Mit der größeren Batterie nennt Xiaomi bis zu 505 Kilometer rein elektrische Reichweite im chinesischen CLTC-Zyklus. Für den strengeren WLTC-Zyklus werden bis zu 380 Kilometer genannt.

Der N90 Max nutzt eine 76 Kilowattstunden große Batterie und soll nach CLTC bis zu 464 Kilometer elektrisch fahren. Zusammen mit dem 60-Liter-Tank und dem Range Extender nennt Xiaomi eine Gesamtreichweite von bis zu 1.705 Kilometern. Das ist ein eindrucksvoller Prospektwert, aber kein Wert, der sich eins zu eins auf deutsche Autobahnen übertragen lässt. Hohe Geschwindigkeit, Wintertemperaturen, volle Beladung und der Betrieb des Generators können die tatsächliche Reichweite deutlich reduzieren. Auch deshalb ist die Größe der Batterie wichtiger als die plakative Gesamtreichweite. Ein 76-Kilowattstunden-Akku liegt auf dem Niveau zahlreicher reiner Elektroautos und ermöglicht vielen Nutzern, den Verbrenner im normalen Wochenbetrieb kaum einzusetzen. Schnellladen soll ebenfalls möglich sein. Xiaomi nennt 18 Minuten für den Bereich von 20 bis 80 Prozent und bis zu 285 Kilometer zusätzliche CLTC-Reichweite innerhalb von 15 Minuten.

Ist die Batterie weitgehend entladen, gibt Xiaomi für den N90 Max einen Verbrauch von 6,26 Litern je 100 Kilometer im WLTC-Verfahren an. Beim N70 liegen die Werte je nach Ausführung zwischen 5,7 und 6,28 Litern. Für ein so großes Fahrzeug erscheinen diese Zahlen günstig. Wie effizient das System bei dauerhaft hohem Autobahntempo, niedrigen Temperaturen oder mit Dachaufbau arbeitet, müssen unabhängige Tests erst zeigen.

Der Innenraum wird zum eigentlichen Produkt
Xiaomis wichtigste Idee steckt nicht unter der Haube, sondern zwischen den Achsen. Die neue Kunlun-Architektur wurde auf einen vollständig ebenen Boden und lange verschiebbare Sitzschienen ausgelegt. Beim N90 können die Vordersitze elektrisch um 180 Grad gedreht werden. Damit entsteht eine Sitzgruppe, in der sich die Passagiere der ersten beiden Reihen gegenübersitzen.
Bis zu vier Sitze lassen sich in eine weit zurückgelehnte Schwerelosigkeitsposition bringen. Massagefunktionen, Beinauflagen, ein ausziehbarer Tisch, ein neun Liter großer Kompressorkühlschrank und ein Audiosystem mit 25 Lautsprechern machen aus dem Auto je nach Konfiguration einen Reisevan, Besprechungsraum oder mobilen Aufenthaltsort. Werden die hinteren Reihen umgelegt und die Vordersitze gedreht, entsteht eine rund 2,30 Meter lange Liegefläche. Eine Campingversion erweitert das Konzept um Lösungen für Dachzelt, Markise und Outdoor-Ausrüstung.

Auch der Nutzwert fällt beachtlich aus. Für den N90 werden bis zu 1.831 Liter Gepäckraum und 34 Ablagen genannt. Selbst bei voller Bestuhlung soll noch Platz für mehrere Koffer bleiben. Der N70 verzichtet auf die dritte Reihe und richtet sich damit an Käufer, die einen besonders großen Fünfsitzer mit mehr Kofferraum suchen. Diese Flexibilität ist mehr als eine Sammlung auffälliger Messefunktionen. Chinesische Hersteller behandeln den Innenraum zunehmend als digitalen und sozialen Lebensbereich. Während europäische Premiummarken traditionell Fahrwerk, Materialanmutung und Markenimage in den Vordergrund stellen, werden in China Sitzkomfort, Unterhaltung, Kühlung, Sprachsteuerung und die variable Nutzung des Raums zu zentralen Kaufargumenten.

Rechenleistung und Sensorik auf Oberklassen-Niveau
Auch digital will Xiaomi keinen Abstand zur Konkurrenz lassen. Das Cockpit nutzt einen leistungsfähigen Snapdragon-Prozessor. Für die Fahrerassistenz steht Nvidias Drive-Thor-Plattform mit einer Rechenleistung von bis zu 700 TOPS bereit. Hinzu kommen Lidar-Sensoren, Kameras, Radarsysteme sowie Xiaomis eigenes Assistenzpaket.

Beim N90 befindet sich neben dem Sensor an der Front zusätzlich ein nach hinten gerichteter Festkörper-Lidar. Diese Hardware schafft große Reserven für automatisierte Fahrfunktionen. Sie ist jedoch noch kein Beleg dafür, dass alle beworbenen Fähigkeiten in jedem Land freigeschaltet werden. In Europa hängen Umfang und Leistungsfähigkeit solcher Systeme von Homologation, Gesetzgebung, Kartendaten, Softwarepflege und der Qualität der lokalen Erprobung ab.

Für den N90 verweist Xiaomi beim Karosseriebau auf einen Anteil von 90,4 Prozent hochfestem Stahl und Aluminium sowie besonders widerstandsfähige Stähle an zentralen Strukturpunkten. Zwölf Airbags gehören beim N90 zur Ausstattung. Die Karosserie soll zudem eine Wattiefe von 750 Millimetern bewältigen. Diese Angaben zeigen den Anspruch, ersetzen aber keinen unabhängigen europäischen Crashtest. Hoch integrierte, warmumgeformte Großbauteile können außerdem die Reparatur nach schweren Unfällen verteuern.

Der China-Preis ist kein deutscher Listenpreis
Die größte Wirkung entfalten N70 und N90 durch ihre chinesischen Vorverkaufspreise. Allerdings wäre es irreführend, die umgerechneten Beträge direkt neben deutsche Preislisten zu stellen. In Europa kommen Transport, Zoll, mögliche Zusatzzölle, Mehrwertsteuer, Homologation, Garantieabsicherung, Ersatzteillogistik, Vertrieb und Händlermargen hinzu. Auch die Ausstattung kann sich von der chinesischen Version unterscheiden.

Hinzu kommt, dass die genannten 259.900 und 299.900 Yuan derzeit für die Max-Versionen im Vorverkauf gelten. Weitere Varianten sollen zum regulären Marktstart im September folgen. Ein deutscher Preis existiert bislang ebenso wenig wie eine verbindliche Bestätigung, dass beide Modelle tatsächlich nach Deutschland kommen.

Trotzdem bleibt die Botschaft deutlich. Wenn Xiaomi einen Siebensitzer mit 76-Kilowattstunden-Batterie, Allradantrieb, Luftfederung, Lidar, Massagesitzen und aufwendigem Infotainment in China für umgerechnet weniger als 40.000 Euro anbieten kann, verändert das die Wahrnehmung dessen, was ein großes, technisch anspruchsvolles Auto kosten muss. Selbst ein erheblich höherer Europa-Preis könnte etablierte Hersteller unter Druck setzen.

Xiaomis strategische Rechnung
Der Vorstoß kommt nicht zufällig. Xiaomis Autogeschäft ist in kurzer Zeit zu einem wichtigen Wachstumstreiber geworden. Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 185.000 Fahrzeuge ausgeliefert. Das Unternehmen strebt für das Gesamtjahr 550.000 Einheiten an. Damit muss die Modellpalette breiter werden und neue Käufergruppen erreichen.

N70 und N90 zielen auf Familien, Geschäftsleute und freizeitorientierte Kunden, denen ein sportliches Elektroauto allein nicht genügt. Gleichzeitig wagt Xiaomi den Eintritt in ein Segment, das in China zuletzt an Dynamik verloren hat. Die Verkäufe von Fahrzeugen mit Range Extender gingen im ersten Halbjahr zurück. Der Markt ist zudem dicht besetzt. Li Auto, Aito, Denza, Zeekr, Voyah, Deepal und weitere Hersteller kämpfen bereits mit ähnlich positionierten Modellen um dieselbe zahlungskräftige Kundschaft.

Xiaomi setzt deshalb auf eine Kombination, die der Konzern aus dem Elektronikgeschäft kennt. Viel Hardware, eng vernetzte Software, eine hohe Ausstattungsdichte und ein Preis, der die Konkurrenz zu Reaktionen zwingt. Ob diese Rechnung langfristig aufgeht, entscheidet sich nicht allein bei der Präsentation. Produktionsqualität, Zuverlässigkeit, Lieferzeiten, Servicekapazität und Restwerte werden spätestens nach den ersten Jahren im Kundenbetrieb ebenso wichtig wie Displays und Beschleunigungswerte.

Europa bleibt Ziel, doch die Modelle sind noch nicht bestätigt
Xiaomi plant den Eintritt in den europäischen Automarkt für das zweite Halbjahr 2027. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass N70 und N90 zum Startprogramm gehören. Vor einer Einführung wären Anpassungen an europäische Sicherheitsvorgaben, Softwarestandards, Datenschutzregeln, Ladeinfrastruktur und Kundenerwartungen notwendig. Ebenso muss Xiaomi ein belastbares Netz für Wartung, Reparatur und Ersatzteile aufbauen.

Gerade bei einem Fahrzeug dieser Komplexität ist der Preis nur ein Teil der Rechnung. Europäische Käufer erwarten lange Garantien, verlässliche Teileversorgung, kalkulierbare Versicherungskosten und stabile Gebrauchtwagenwerte. Hier besitzen Audi, BMW, Mercedes, Volvo, Land Rover und andere etablierte Anbieter weiterhin einen erheblichen Vorsprung.

Der Skynomad N70 startet in China umgerechnet bereits bei 33.408 Euro, der größere N90 kostet ab 38.550 Euro. Damit liegen beide Modelle mehr als nur deutlich unter den deutschen Vorbildern: Der Audi Q7 beginnt in der Bundesrepublik Deutscghland bei 87.900 Euro, der Audi Q9 bei mindestens 108.400 Euro.


Der Skynomad zeigt überdies, wie rasch sich die Kräfteverhältnisse verschieben. N70 und N90 müssen nicht sofort die europäische Oberklasse verdrängen, um Wirkung zu entfalten. Schon die technische und preisliche Referenz aus China erhöht den Rechtfertigungsdruck auf jedes große SUV, das hierzulande ein Mehrfaches kostet.

Der eigentliche Angriff besteht nicht in einer einzelnen Modellneuheit, sondern in einer neuen Erwartungshaltung: mehr Raum, mehr Batterie, mehr digitale Technik und mehr Komfort für deutlich weniger Geld – und der Frage: Warum müssen deutsche Kunden derart tief in die Tasche greifen? Dies dürfte bundesdeutsche Autohersteller in Bezug auf die Preise in Erklärungsnot bringen, oder nicht?

S.Schulz